Sie kennen den Spruch: "Man müsse nur den ersten Schritt wagen", und: "Der erste Schritt ist der Wichtigste". Nun - das mag stimmen. Es ist aber auch leichter gesagt als getan. Wenn man nicht die magische Formel kennt, die den "ersten Schritt" zum Kinderspiel werden lässt ... den Schlüssel dazu habe ich nach zwei einschneidenden Erlebnissen bzw. Erkenntnissen gefunden.
Das Flugzeug erreichte die 4000m. Und ich - hinten in die mikroskopisch kleine Ladekabine gepfercht, mit einem dutzend weiterer Mitstreiter. Mein erster eigener Fallschirmsprung! Ganz alleine, ohne Netz und doppelten Boden, ohne Tandeminstruktor, der den Schirm für mich steuern würde. Jetzt geht's ums Ganze! Auf 4000m öffnet sich die Luke. Oh Mann - unter mir, ganz weit weg, erkenne ich nur Felder und Wiesen.
Die ersten Passagiere springen. Jetzt bin ich dran! Langsam robbe ich mich zur Luke vor, nehme auf der Absprungplattform Position ein - genauso, wie ich es vorher gelernt und x-male am Boden geübt habe. Die Wahl liegt ganz bei mir: Ich muss nicht springen. Ich kann auch wieder in die Kabine zurückrobben und mit dem Piloten im Flugzeug wieder nach unten kommen. Tausend Gedanken jagen mir durch den Kopf, das Blut rast durch die Adern, ich habe das Gefühl, im Adrenalin zu ertrinken. Dann: Springe ich.
Freier Fall. Ein geniales Gefühl. Losgelöst von der Erde, die Gesetze der Schwerkraft scheinen ausgehebelt zu sein.
Ich genieße den Fall, ziehe auf 1500m die Leine, und erlebe die nächsten Flugminuten mit meinem Schirm zurück in Richtung Basis wie im Glücksrausch.
Zurück am Boden muss ich mich erstmal sammeln. Erst zwei oder drei Tage später trifft sie mich wie aus heiterem Himmel: Eine Erkenntnis, die sich nicht nur auf meine Arbeit, sondern auf mein ganzes Leben positiv auswirken sollte. Ich erinnere mich: Diese wenigen Sekunden, kurz bevor ich gesprungen bin, die wie Stunden schienen. Ich war nahezu paralysiert vor Angst. Aber nicht, weil ich Angst vor dem eigentlichen Fall- und anschließenden Flug- und Landeerlaubnis hatte. Diese Passagen hatte ich unzählige Male vorher als Trockenübung am Boden geübt. Ich wusste, dass ich hier nicht versagen werden und bestens vorbereitet auf das bin, was kommen mag. Selbst vor dem äußerst seltenen Fall einer Notsituation, wie z.B. einem sich nicht öffnenden Fallschirm, hatte ich keine Angst: Auch hier wusste ich, was zu tun ist. Nein - meine Hauptangst bestand darin, AUS DEM FLIEGER ZU PURZELN! Man muss sich den Flieger bildlich vorstellen: Diese kleinen Maschinen haben so rein gar nichts mit den großen Passagiermaschinen zu tun, die wir aus der zivilen Luftfahrt kennen. Es handelt sich vielmehr um kleine, extrem laute Maschinchen, in denen man noch nicht einmal aufrecht sitzen kann, sondern sich mit den anderen Fallschirmspringern auf ein kleines Bänkchen kauert. Wenn dann noch auf 4000m die Luke aufgeht, schießt die Angst nochmal nach oben: Man sitzt in mehreren tausenden Metern Höhe vor einer Art Loch im Flieger, das gerade mal wenige Zentimeter von der eigenen Nasenspitze entfernt ist! Horror pur für jemanden, der diese Situation nicht schon häufiger erlebt hat.
Und dennoch: In wenigen Augenblicken wird man ja sowieso hinausspringen - und der eigentliche Sprung macht keine Angst. Wo liegt denn nun der Unterschied? GIBT es überhaupt einen Unterschied?
Die Logik sagt: Nicht wirklich. Denn ob ich nun aus dem Flieger springe, oder einfach durch die Luke hinausfalle, macht nicht den allergeringsten Unterschied. Und dennoch bestand im GEFÜHLTEN Erleben, also in den Emotionen, ein gewaltiger Unterschied für mich. So sehr ich mich nach dem eigentlichen Sprung sehnte, so groß war die Angst davor, ohne eigenes Zutun, z.B. durch eine ungeschickte Flugbewegung seitens des Piloten, durch die Luke zu stürzen.
Ich habe mich hingesetzt und genau überlegt, was hier eigentlich passiert ist. Lange suchen musste ich nicht, denn der Unterschied war ziemlich deutlich: Im Falle eines nicht-selbstverursachten Sturzes durch die Luke hätte ich mich reiner Willkür ausgeliefert, ich hätte das Ergebnis "fallen" nicht selbst verursacht. Im zweiten Falle - dem kontrollierten Absprung - hätte ich selbst die Kontrolle gehabt.
Das Ergebnis wäre in beiden Fällen das gleiche gewesen. Und dennoch unterschied sich das Gefühl dermaßen stark, dass es gewaltiger nicht hätte sein können.
Es ist eine natürliche Eigenschaft, dass wir gerne die Kontrolle über die Dinge haben. Das ist normal und gesund. Natürlich kommt es immer auf die Dosis an: Wer sein ganzes Leben nur noch danach ausrichtet, die Kontrolle zu haben, kann irgendwann nicht mehr genießen. Im therapeutischen Kontext sprechen wir hier häufig von einer Zwangserkrankung, oder einer anankastischen (also zwanghaften) Persönlichkeit. Aber grundsätzlich tut es uns gut, wenn wir wissen, dass wir die Ergebnisse, die wir im Leben erzielen, selbst verursachen können. Zahnärzte machen sich das z.B. zu nutze, in dem sie den Patienten über Händedruck die Möglichkeit geben, selbst mitzusteuern, wann der Zahnarzt mit dem Bohren aufhören soll - und wann er wieder bohren darf. Diese recht einfach anmutende Technik hat eine grandiose Wirkung, da viele Patienten mit vormals großer Zahnarztangst plötzlich viel einfacher die Behandlung über sich ergehen lassen können.
Das konnte ich auch im Bereich des Flirtens erleben: Wer es schafft, den ersten Schritt zu wagen, hat schon gewonnen. Ganz gleich, wie das Ergebnis ausfällt, ob man einen Korb erhält oder nicht - man sitzt nun plötzlich selbst am Steuerhebel des eigenen Erfolgs, kann die Dinge anpacken, muss sich von seinen Ängsten nicht mehr einschüchtern lassen sondern marschiert mutig durch sie hindurch. Das stärkt nicht nur das Selbstvertrauen, sondern auch die eigenen Fähigkeiten, die von mal zu mal immer mehr wachsen. Was vorher nur im Kopfkino stattfand, wird nun plötzlich Realität.
Aber: Wie sieht nun das konkrete Vorgehen aus, um die Fähigkeit, den ersten Schritt zu wagen, zu entwickeln? Übungen dazu gibt es wie Sand am Meer, und auch in klassischen Flirttrainings wie Pick Up Coachings wird es immer wieder thematisiert. Leider meist mit unbefriedigenden Ergebnissen. Ich habe lange nach Möglichkeiten gesucht, das "den ersten Schritt machen" zu entwickeln und fördern und habe dabei alle Therapien, Coachings und Methoden in Betracht gezogen. Fündig bin ich schlussendlich da geworden, wo ich nie damit gerechnet hätte: Beim Kampfsport!
Wie Straßenkämpfer ihre Fähigkeit trainieren, den ersten Schritt zu tun
In England gehört eine zünftige Kneipenprügelei an manchen Orten fast schon zum guten Ton. Gerade an sozialen Brennpunkten eskaliert die Gewalt oftmals, in vielen Fällen sogar, ohne einen konkreten Sinn zu verfolgen. Es geht nicht um Geld, sondern um falsch verstandene Ehre - der schiefe Blick kann schon mal als Provokation verstanden werden, die scheinbar nur noch mit Fäusten geklärt werden kann.
Viele Engländer wollen dieses Spielchen aber nicht mitspielen und suchen deshalb nach Möglichkeiten, sich effektiv gegen gewaltsame Übergriffe zur Wehr zu setzen. Judo, Karate und Co sind zwar ein prima Körpertraining und schulen auch oftmals die Seele, während sie äußerst ästhetisch wirken, sind aber in der direkten Konfrontation mit einem erfahrenen Straßenkämpfer oftmals kaum zu gebrauchen. Deshalb werden reine Selbstverteidigungsmethoden (im Gegensatz zu Kampf-"Künsten") immer populärer. Ein Vorreiter der Selbstverteidigung in England ist Geoff Thompson - ein ehemaliger Türsteher in einem der härtesten Pubs Londons, der Gewaltexzesse nicht nur vom Hörensagen her kennt, sondern viele Jahre lang mittendrin war.
Heute arbeitet Thompson nicht mehr als Türsteher, sondern als Autor und Selbstverteidigungstrainer. In seinen Trainings vermittelt er eine unglaublich effektive Methodik, wie man Straßenkämpfe schnell und erbarmungslos austrägt - und gewinnt. Selbstverständlich geht es ihm dabei nicht darum, Aggressoren ein neues Handwerkszeug zu vermitteln, sondern er möchte Menschen dabei helfen, nicht selbst zum Opfer zu wehren, und um sich im Fall der Fälle effektiv zur Wehr setzen zu können. Und das gelingt ihm mit Bravour!
Diese Methodik fußt auf der Erkenntnis, dass es in physischen Konfrontationen oftmals einen Punkt gibt, der VOR der eigentlichen Gewalt liegt, nach dem es aber trotzdem KEIN Zurück mehr gibt. Dieser "Point of no Return" tritt dann ein, wenn sich der Angreifer schon fest entschlossen hat, zu eskalieren, und nur noch nach dem richtigen Zeitpunkt für den ersten Schlag sucht. Oftmals geschieht dies durch provokative Gespräche: "Willst du mir eine Zigarette geben?" - "Nein, ich rauche nicht." "Was, du WILLST mir keine Zigarette geben? Magst du mich etwa nicht" etc.
Thompson lehrt, wie man diesen Punkt of no Return treffsicher erkennen kann. Und er sagt, dass man hier fast nur gewinnen kann, wenn man SELBST den ersten Schlag abgibt. Nun: Für Menschen, die Gewalttätigkeit nicht gewohnt sind, gibt es fast nichts Schwierigeres, als selbst zuzuschlagen - selbst dann, wenn man zu 100% weiß, wenige Augenblicke später sonst selbst zum Opfer zu werden. Hier hat sich die Methodik bewährt, die Thompson unterrichtet. Sie funktioniert wie folgt:
Seine Schüler trainieren am Boxsack oder miteinander wieder und wieder und wieder einen "Triggersatz". Unter Trigger verstehen wir einen Auslöser; einfach gesprochen wäre z.B. der Startschuss bei einem Wettrennen das Signal für die Läufer, loszulaufen.
Dieser Triggersatz ist individuell unterschiedlich, aber jeder Schüler arbeitet mit ein und demselben Satz. Dieser könnte lauten: "I'm sorry, but I really don't want to get into any Trouble here". Der Inhalt des Satzes ist übrigens völlig gleichgültig - er könnte auch "What a beautiful day it is!" lauten. Denn es kommt einzig und alleine darauf an, dass der Satz EIN Triggerwort enthält, mit dem man in Zukunft arbeiten wird. Nehmen wir mal an, das Wort lautet "Trouble" in dem o.g. Satz. Die Schüler üben nun im Training unzählige Male, wie sie den Satz sagen - und jedesmal bei dem Wort "Trouble" zuschlagen. Auf den Boxsack. Oder mit dem Übungspartner. Wieder und wieder und wieder. Nach einigen Wochen ist der erste Schlag mit dem Wort "Trouble" so eng miteinander verbunden, dass es fast wie von selbst läuft: Der Schüler muss nur noch den Satz sagen und es fällt ihm nun tausendmal leichter, zuzuschlagen - denn unbewusst wurde eine Verbindung erstellt, die bewirkt, dass das Aussprechen des Satzes bei dem festgelegten Triggerwort dazu führt, dass man mühelos zuschlagen kann. Der Satz ist eine Stütze, eine Hilfskrücke, die eine nahezu magische Wirkung entfaltet - was Thompsons Schülern häufig Haut und vielleicht sogar Leben in Extremsituationen gerettet hat.
Was im Kampf funktioniert, funktioniert erstaunlicherweise auch in der Kommunikation. Wir können uns antrainieren, einen vorher festgelegten Trigger als Signal zu verstehen, das uns in einen bestimmten Zustand versetzt oder ein bestimmtes Verhalten ausgelöst. Am Beispiel des Flirtens: Durch hypnotisches Training können wir unserem Unterbewusstsein beibringen, auf ein vorher festgelegtes Signal hin uns in einen Zustand zu versetzen, in dem es spielend einfach fällt, jemanden anzusprechen. Wir gehen dann einfach los und sprechen, ohne uns vorher den Kopf zu zermatern. Vielleicht ist nach wie vor ein klein wenig Angst mit im Spiel: Das ist völlig OK, denn im Gegensatz zu vorher TUN wir nun endlich, was wir uns vorher nie getraut hätten. Ein unglaublich machtvoller Zustand, der sich natürlich auch in sämtlichen weiteren Lebensbereichen gewinnbringend nutzen lässt.
Diesen Automatismus, den ersten Schritt zu tun und zu handeln, verankern wir Unbewusst durch spezielle Prozesse, die je nach Klient maßgeschneidert werden.
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